Mathe-Videos im Web: eine kleine Analyse

Man trifft ja im Web auf zahlreiche Mathevideos. Ich bin mal durch die Gegend gestreift und hab ein paar Eindrücke und Überlegungen gesammelt (in Ergänzung zu den Beiträgen von Martin und Michael). Ehrlich gesagt finde ich viele Videos, auf die man im Web stößt, oft ein wenig gruselig. Wenn ich mir vorstellen müsste, mit diesen Videos zu lernen, ich würde mich vermutlich nur schwer dazu motivieren können. Warum? Hier ein paar Gründe:

1. Reines Training von Verfahren. Es wird ein Verfahren vorgestellt und an einem oder mehreren Beispielen veranschaulicht. Das Prinzip: Nimm das Verfahren und benutze es. Also: Es geht nur darum, ein Verfahren anzuwenden, nicht darum, das Verfahren zu verstehen. Keine Entwicklung von Lösungen, sondern eine Präsentation von Lösungsformeln, die scheinbar irgendwie mit Magie zu funktionieren scheinen. Aber warum soll ich lernen, Verfahren anzuwenden? Das können auch Computer, und zwar schneller und vermutlich auch fehlerfreier. Ich will verstehen, warum etwas so ist wie es ist. Und ich will Spaß am Mathematik treiben haben: knifflige Probleme lösen, eigene Entdeckungen machen, und selbst gefundene Lösungen schöner machen. Videos könnten mich dazu anregen – das tun sie aber in der Regel nicht.

2. Reine Symbolik: Bei vielen Videos erhält man den Eindruck: Mathematik = Formelei. Es wird oft nicht einmal mit visuellen Darstellungen gearbeitet, obwohl dies ganz oft möglich wäre und ehrlich gesagt auch nahe liegen würde. Weshalb erarbeitet man die Bestimmung der Symmetrie eines Funktionsgraphen nicht erst einmal anhand des Funktionsgraphen? Es wird oft viel zu früh auf die symbolische Ebene gewechselt und das formelmäßig ausgerechnete Ergebnis allenfalls am Bild kontrolliert (wenn man Glück hat). Dabei geht es in der Mathematik eigentlich in erster Linie nicht um Symbolik, sondern um Vorstellungskraft, die einem hilft, sich einen Sachverhalt mit visuell-räumlich-analogen, aber dennoch irgendwie abstrakten Quasibildern vorzustellen und anhand dieser Vorstellungen Lösungen oder Lösungsideen zu sehen.  Mathematik braucht dynamische mentale Modelle, auf denen ich operieren kann. Mathematik ist gedankliches Handeln an veränderlichen mentalen Vorstellungsobjekten. Formelsprache braucht man eigentlich erst im zweiten Schritt: Sie erfüllt unter anderem die Funktion, gefundene Lösungen und Beweise nochmals mit algebraischen Umformungen zu validieren, denn diese haben (aufgrund der Täuschungsgefahr bei visuellen Bildern) durch ihre abstrakte Symbolik nochmal ein Stück weit mehr Überzeugungskraft und sind kompakter im weiteren Verlauf zu handhaben. Außerdem helfen die formale Logik und Algebra dabei, Sätze abstrakt festzuhalten, Denkfehler bei Beweisgängen zu identifizieren und Verfahren der automatisierten Berechnung zugänglich zu machen (also z.B. Computern). Abstraktion kommt aber immer am Ende mehrere konkreter Erfahrungen. Und konkrete Erfahrungen heißt hier: mit realen oder vorgestellten Objekten hantieren.

3. Langweilige Präsentation: Die Rechenverfahren werden mit einer gleichbleibend monotonen Stimme, dozierend und un-entusiastisch vorgetragen. Da wird’s einem schnell langweilig (siehe im Beitrag von Martin: Der Tonfall ist das wichtigste).  Auch ein Garant für Langeweile: Immer das gleiche Präsentationsformat. Immer Screencast mit derselben Schrift und demselben Hintergrund, nie sieht man die Person. Oder: Immer Tafelvideos, immer aus derselben Perspektive gefilmt (manchmal steht der Dozent sogar konsequent vor der Tafel und verdeckt mit seinem Körper das, war er gerade schreibt). Da besteht die Gefahr, dass man das als Student – und insbesondere als MOOC-Teilnehmer – kein Semester lang durchhält. Es ist alles so vorhersehbar. Spannungsbogen: null. Überraschungen: keine. Mögen Menschen so lernen?

Insgesamt erhält man oft den Eindruck, Mathematik ist a) monoton b) langweilig c) rein symbolisch d) Anwendung von Formeln.

Ich nehme bei dieser Kritik meine eigenen Videos nicht aus, viele Fehler dieser Art sind auch mir mehrfach unterlaufen. Umso spannender wird die jetzige Entwicklung des MOOCs. Hier versuchen wir, konsequent andere Wege zu gehen: Motivierende Impulsvideos, Fokussierung auf gute Aufgaben zum selbstständigen Erarbeiten von Zusammenhängen, interessante Entdeckungsaufträge, ikonische (d.h. bildhafte) Erläuterungen. Die Symbolebene gibt es natürlich auch (selbstverständlich ist diese wichtig), aber nicht nur und insbesondere nicht am Anfang einer Einheit.

Welche Tipps und Anregungen habt ihr für uns? Wie möchtet ihr die Mathe-Videos gestaltet sehen? Habt ihr ein paar Beispiele für uns, bei denen ihr sagen würdet: „Bitte so!“ (oder „Bitte so nicht!“)? Und warum?

Morph the Khan: Schrei nach Hilfe

Was hat Khan richtig gemacht?

Auch wenn ich mich  in diversen Kommentaren sehr negativ über die Khanvideos geäußert habe, manches hat er natürlich auch richtig gemacht. Insbesondere wird in den Khanvideos nicht mit vorgefertigten Zeichnungen gearbeitet sondern selbige entstehen beim Vortrag. Gut, das ist nichts Neues, aber man muss es halt machen und wir werden es in unseren Videoaufzeichnungen ebenso halten.

Der Vorteil der Skizze: Sichtbarkeit ihrer Entstehung und Nachvollziehbarkeit

Mit Skizzen können mathematische Sachverhalte visualisiert werden. Damit der Lernende die Skizze richtig versteht, sollte er ihrer Entstehung beiwohnen. Bei fertigen Skizzen greift das sogenannte Figurkonzept: Man sieht ein schönes Bild, analysiert es jedoch nicht. Lege ich dem Schüler sofort die bekannte Figur zum Satz des Pythagoras als Ganzes vor, so sieht er einen hübschen Gesamteindruck, also etwa ein Dreieck mit zwei Buckeln und einem Bauch, er analysiert jedoch nicht, dass da die Katheten und die Hypotenuse quadriert wurden. Hier ein weiteres Beispiel für das Figurkonzept:

Analysiere die Folge der Zeichen.

wohnt man der Generierung der einzelnen Folgeglieder bei ist die Aufgabe ein Kinderspiel. Sieht man nur das fertige Endprodukt, grübelt man schon eine Weile.

Khanvideos zeigen dem Lernenden die Entstehung der Skizzen, das ist didaktisch sinnvoller als der der sofortige Einsatz einer fertigen Hochglanzzeichnung. Dazu kommt, dass die Skizzen mit minimalistischen Mitteln generiert werden: Oh das könnte ich jederzeit auch selbst tun. Natürlich stößt dieser Minimalismus an gewisse Grenzen, aber häufig ist er ausreichend.

Der Nachteil der Skizze: die Statik

Freihandskizzen haben einen Nachteil: sie sind statisch. Demgegenüber steht die Idee des funktionalen Zusammenhangs, die einen wesentlichen Teil mathematischen Denkens ausmacht. Visualisierungen funktionaler Zusammenhänge schreien nach Dynamik à la Geogebra und Co.

Der Nachteil der dynamischer Matheapps: Die Entstehung der Skizzen ist nicht immer unmittelbar nachvollziebar

So schön sie sind die Programme wie Geogebra, Sketchpad und wie Sie alle heißen mögen, die Entstehung der grafischen Darstellungen läuft häufig in Makros ab und ist daher nicht so unmittelbar verfolgbar wie es bei einer Handskizze der Fall ist, bei der letztlich alles selbst gemacht werden muss. Dieser Nachteil wird häufig durch die tollen Animationen die nun möglich sind wettgemacht. Im Kontext unseres MOOCs bleibt jedoch die Frage ob der Lernende dann nicht schon abgeschaltet hat.

Suche nach der Vereinigung von Skizze und dynamischer Geometrie

Der suchende Didaktiker fragt sich, ob man denn nicht beide Methoden vereinigen könnte:

  1. Generierung der Skizze per Hand
  2. Manipulation der händisch gefertigten Skizze wie bei einem dynamischen Geometriesystem

Vorbild zu dieser Überlegung waren für mich diverse Szenen aus der Werbung: Eine händisch gefertigte Zeichnung geht in die Realität über.

Wer hat Ideen?

Über Geheimzirkel und Verschwörungstheorien

Eine Möglichkeit, die Beschäftigung mit Mathematik zu motivieren, ist ein Einblick in das Leben berühmter Mathematiker, die oft nur im Abstrakten bleiben. Mathematiker sind aber schließlich Menschen aus Fleisch und Blut gewesen, die vermutlich ein genau so spannendes Leben geführt haben wie jeder von uns.

Den Satz von Pythagoras kennt jeder, aber Pythagoras? Irgend so ein Grieche, der sich mit rechtwinkligen Dreiecken befasst hat? Weit gefehlt. Wer stöbert, der findet. Zum Beispiel im Buch Musik, Magie und Medizin von Lutz, das er bereits 1997 in Vorbereitung auf den MOOC geschrieben hat, oder im Buch der Zahlen von Peter J. Bentley (danke an Teufelchen für den Tipp). Ein paar Stichpunkte machen klar, dass das Leben von Pythagoras höchst spannend war:

  • Er war Begründer eines Geheimzirkels, einer „erfolgreichen Mysterienschule“, einer Philopsophiesekte, mit allem Geheimkrämerei-Schnickschnack, den man sich so denken kann: ein innerer Zirkel, in den man erst nach einer Einweihung gelangte, 5 Jahre lang Redeverbot nach Einstieg in die Mysterienschule, Meditation, Seelenheil, priesterliches Geheimwissen, Geheimhaltung und entsprechende Verschwörungstheorien: „Es gab drei Grade der Einweihung. Zunächst lernten die Schüler die acoustici, die mathematisch-harmonikalen Grundlagen anhand des Monochord. In der zweiten Stufe ging es um die mathematici, die tieferen Gesetze der Mathematik, verbunden mit Meditationstechniken, Gedankenkontrolle und persönlicher Läuterung. Auf der dritten und höchsten Stufe erwarteten die electi die Mysterien der persönlichen Transformation, der seelischen Verwandlung und die Heilung mit Klang und Musik.“ (Berger, S. 241)
  • Pythagoras war natürlich „Allrounder“, wie das damals üblich war: Philosophie, Mathematik, Politik, Religion. Für nichts war er sich zu schade.

School_of_Giordano_Pythagoras

  • Eines seiner Hauptbetätigungsfelder waren Harmonik und Ästhetik: Musik auf der Erde ist ein Abklatsch der Harmonie, die zwischen den Planeten herrscht.  Ein höherer Sinn steckt dabei im Verhältnis der Zahlen zueinander: Proportionen haben eine ästhetisch-harmonische Bedeutung.
  • Wie immer wussten andere es schon vorher. Das Orakel von Delphi soll vorhergesagt haben, dass Pythagoras „auserwählt sei, den Menschen Schönheit, Harmonie und Weisheit zu bringen.“ (Berger, S. 241)
  • In allen Dingen war er sehr fortschrittlich: Männer und Frauen waren in seiner Schule gleichberechtigt. Aber nicht nur fortschrittlich, sondern auch streng: „Sie mussten ihren Besitz aufgeben, Vegetarier werden und folgende Überzeugungen annehmen: 1) dass die Welt in ihren Urprinzipien mathematischer Natur ist, 2) dass diese Philosophie für die geistige Reinigung verwendet werden kann, 3) dass die Seele sich mit dem Göttlichen vereinen kann 4) dass bestimmte Symbole eine mystische Bedeutung haben, 5) und dass alle Jünger des Ordens loyal und verschwiegen sein sollten.“ (Bentley, S. 29). Also, zumindest vermutet man das so, es drang ja kaum was nach außen, gell.
  • Jede Menge Legenden ranken sich um seinen Tod: War es Mord oder eine politische Verschwörung?

Geheimzirkel, Priesterwissen, Verschwiegenheit, Verschwörung… das ist doch voll die Mystery-Kiste! Wenn sich das mal nicht als Motivation eignet: Wir weihen die MOOC-Teilnehmer in geheimes Mathematik-Wissen ein! Sie werden aufgenommen in den Zirkel der Erlauchten und  mathematikoi genannt. Man durchläuft mehrere Stadien der Einweihung… und es herrsche absolute Verschwiegenheit! Wär das was?

Wie macht man MOOC-Videos im Khan-Style?

Salman Khan ist ein Auslöser des MOOC-Booms: Ein New Yorker Hedgefond-Analyst, der zuerst einer Kusine aus Kalifornien Mathematik-Nachhilfe gab, per Video. Weil andere Verwandte und deren Freunde, die Videos auch wollten, stellter er sie 2006 auf Youtube und erreichte damit bald schon extrem hohe Abrufzahlen. Nach der Finanzkrise warf Khan seinen Job hin und gründete die „Khan Academy“, die inzwischen mit Millionen von der Bill Gates-Foundation unterstützt wird.

Khan war am MIT Student des IT-Architekten Agarwal, der inzwischen selbst Leiter der Open Source-MOOC-Plattform edX geworden ist. Für Agarwal und edX machte Khan vor einen halben Jahr ein Video darüber, worauf es bei Khan-style Videos ankommt. [Hier anschauen.]

Hier sind die vier Punkte, die Khan nennt, jeweils ergänzt mit eigenen Erklärungen.

(1) Knowledge Café: Der Tonfall ist das Wichtigste

Wichtig ist die Sprechsituation, die durch die Stimme entsteht: Eine echte, authentische Person spricht auf Augenhöhe (!)zu einer anderen Person, hier und jetzt. Es sollte klingen wie in einem Café: Als ob zwei Leute zusammen an einem Tisch sitzen, und eine/r hat gerade den/die andere/n gebeten, genauer zu erklären, wie etwas geht oder wie etwas sich verhält.

Konversationston heißt vor allem: nicht emotionslos. Es muss emotionale Bewegung in der Stimme sein. Deine eigenen Emotionen, dein eigenes (echtes!) Nachdenken beim Sprechen, dein Akzent … all das gehört dazu. Du bist nicht neutrale/r Sprecher/in für die Tonspur eines Films!

Du sprichst auf Augenhöhe, als Privatperson. Authentisch, nicht aus einer schützenden Rolle heraus. Nicht von oben herab: Kein bevormundender Ton, kein Dozieren. Aber auch nicht bemüht simpel, betont didaktisch. Nicht wie ein/e Dozent/in in einem Vorlesungssaal oder Seminarraum. Nicht wie ein/e  „geduldige/r Nachhilfelehrer/in“ und auch nicht wie gütige und/oder strenge „gute Lehrer“. (Das machen die allermeisten MOOC-Videos falsch!)

Was und wie du sprichst, sollte geeignet sein, das Selbstgespräch der anderen Person anzuregen. Ein Erklärvideo lässt ja immer eine Leerstelle frei für den/die Lerner/in, die den Gedankengang gerade verfolgt. Wenn das Video dann läuft, ist diese Person aber damit allein. Das Web ist ein persönliches, intimes Medium. (Anders als TV, Radio, Zeitung oder Schulbücher.) Im Web geht es im Kern um Resonanz: Um das Selbstgespräch der anderen, das beim Lesen oder Hören zu meinem eigenen Selbstgespräch wird.

Selbstgespräch heißt auch, dass dein eigener Gedankengang beim Sprechen authentisch sein muss. Etwas, dass du dir beim Sprechen selbst gerade klar machst. Du stellst dir stellvertretend die Fragen, die man sich als aufmerksamer, klar denkender Mensch vernünftiger Weise stellt. Genau das ist die Rolle, die für die Weblerner/innen ausgespart ist. (Gleich, ob sie diesem Anspruch tatsächlich voll gerecht werden oder nicht.)

(2) Visuell und farbig

Khan zeichnet und schreibt in seinen minimalistischen Videos, während er etwas zeigt. Das ist ein bisschen wie eine Tafelzeichnung, aber es ist nicht dasselbe. Das Web ist ein viel intimeres Medium. Es ist eher wie die Kritzelei auf einer Serviette, wenn du im Café einem guten Bekannten eine Sache verständlich machst.

Das Provisorische ist wichtig! Professionelle Computer-Grafiken leisten nicht mehr, sondern weniger! Es geht nicht darum, dass jemand staunend einer Hochglanz-Darbietung zusieht. Erst das Handgemachte und Unperfekte macht das Video zu einem Denkwerkzeug. Es ist ein gezeichnetes Selbstgespräch: „Als ob ich es selbst zeichnen würde, um es mir zu besser verdeutlichen.“

Die Zeichnung ist also selbst eine Art Denkprozess. Deshalb sind Farben und andere Markierungen wichtig, die Text oder Grafik anreichern. Diagramme (auch handgezeichnet!) sind gut, wenn sie konkret sinnvoll sind.

(3) Sich vorbereiten

Vorbereitung ist wichtig, aber nicht schriftlich, sondern eher als Konzentrationsphase. Khan empfiehlt: Bereite dich geistig vor, dann sprich in einem Zug. Kein ausgefeiltes Skript benutzen! Nur ein paar hingewordene Stichpunkte, die den Bogen skizzieren.

Wenn beim Sprechen ein größerer Fehler passiert: Lieber gleich ganz von vorn beginnen (wegen dem Schwung). Nicht Schneiden und Editieren! Kleine Fehler korrigiert man während des Sprechens, das erhöht die Authentizität.

(4) So kurz wie möglich, aber nicht zu kurz!

Khan empfiehlt für seine Erklär-Videos ca. 8 Minuten (zwischen 6 und 10 Minuten). Das ist länger als bei typischen Web-Clips, die zwischen 2 und 4 Minuten dauern. Das geht in diesem Fall, weil die Lerner/innen an dem Denkprozess teilnehmen wollen und weil Khan eine ruhige, sehr sparsame und konzentrierte visuelle Umgebung schafft. (Faustregel: Je mehr visuelle Extras und Elemente, desto kürzer muss das Video sein.)

Die Clips von 6 – 8 Minuten Länge schaffen auch einen Rhythmus. Die Pausen dazwischen sind wichtig, und auch, dass das jeweils nächste Video (oder andere Medienobjekt) gezielt ausgewählt und angeklickt wird. Die Videos sollten auch nicht zu kurz sein: Knappheit ist gut, aber kein Selbstzweck. Deshalb auch der Konversationston: Man muss entspannt folgen können und ein bisschen Raum zum Selberdenken haben.

Ein Video sollte eine gedankliche Einheit enthalten. Einen Bogen. Zwei Bögen nacheinander sind schon zuviel: Dann lieber zwei Videos daraus machen. Wenn der Stoff einer „Lektion“ zu lang ist: Herunterbrechen auf zwei, allerhöchstens drei Erkärvideos. Alles andere kann man auslagern in kurze Texte und/oder Grafiken (Blogformate), die von den Kernvideos aus verlinkt sind.

 

Pythagoras, sein Satz und seine Tripel und der prinzipielle Aufbau einer Unit des MatheMOOCs

Galerie

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Die ersten Vorstellungen sind gereift Einiges hat sich in unseren Köpfen bezüglich des Aufbaus des Mathe-MOOCs schon getan: Aus unserem ursprünglich angedachten Doppel-MOOC wird ein MOOC, in dem die beiden Zweige Arithmetik und Geometrie parallel zueinander laufen. Christian (Arithmetik) und ich … Weiterlesen

Flug der Taube, unbeugsamer Arm, Kopfarithmetik und Kopfgeometrie

Arbeit mit Aufgaben bei der Vermittlung von Mathematik

Ein tieferes Verständnis für mathematische Begriffe und Zusammenhänge erhält man nur dadurch, dass man Mathematik betreibt. Ein Problem vieler MOOCs besteht darin, dass der Lehrstoff lediglich mittels Videos und ähnlichen Medien zum Vortrage gebracht wird. Eine grundlegende Idee unseres MOOCs wird darin bestehen, dass die Lernenden durch die Bearbeitung von  Arbeitsaufträgen sich zum Teil selbst in den Gegenstand der jeweiligen Unit einarbeiten. Nach entsprechenden Zusammenfassungen dienen klassische Übungsaufgaben der Vertiefung des Gelernten.

Die Idee der Einstiegsübung: Warm Up

Auch wenn sie bei einer jüngeren Generation von Mathematiklehrern und Mathematikdidaktikern ein wenig in Vergessenheit geraten ist, hat sie nichts an ihrer Bedeutung für die Vermittlung von mathematischen Lehrinhalten verloren, die sogenannte tägliche Übung. Mathematik Treiben kann auch als eine Art von Gehirntraining betrachtet werden. Der Sportler wird es tun, warum sollten wir nicht auch zu Beginn unseres mathematischen Trainings mit einem Warm Up beginnen: Kleine mathematische Übungen verschiedenster Art, die unser Gehirn auf Betriebstemperatur bringen und ggf. gewisse mathematischen Ideen reaktivieren, die im Laufe der folgenden Auseinandersetzung mit der  jeweiligen Unit von Nutzen sein werden.

Mehr als nur warm werden

Im Mathematikunterricht verfolgt man mit der Einstiegsübung zu Beginn der Stunde nicht nur die Idee des Aufwärmens und den Zweck der Reaktivierung mathematischen Wissens und Könnens. Zunächst ist jedem klar, dass Mathematiklernen ohne Übungen nicht machbar sein wird. Setzt man den Schwierigkeitsgrad der Einstiegsübung so an, dass die  die Aufgaben nicht zu schwer aber auch nicht zu leicht sind, wird der Übende nach dem Lösen der Aufgaben eine gewisse Befriedigung empfinden: Schön, wir haben schon was geschafft und heute läuft es gut. Wir können uns also an den eigentlichen Teil der Unit heranwagen.

Der unbeugsame Arm: pure Konzentration

Jeder weiß es, insbesondere bei der Arbeit vor dem Bildschirm ist es schwierig, immer die nötige Konzentration für selbige aufzubringen. Besser ist es, wenn das Mailprogramm nicht läuft … .  In gewisser Weise verfolgt die Idee der geschilderten Einstiegsübung auch das Ziel, die nötige Arbeitskonzentration aufzubauen. Es liegt nahe, weitere auch außermathematische Konzentrationsübungen wie etwa den aus den asiatischen Kampfeskünsten bekannten „unbeugsamen Arm“ anzubieten.

Die spezielle mathematische Konzentrationsübung

Die Idee asiatische Kampfeskunst und Lernen von Mathematik zu verbinden, verfolge ich  seit drei Semestern. In einer speziellen Lehrveranstaltung „Selbstverteidigung und mentales Training“ versuchen wir (Charly Gärtner, Andreas Schnirch und ich) interessierte Studierende mittels des sogenannten Heidelberger Kompetenztrainings und Elementen der Selbstverteidigung mental zu stärken. Der Einstieg in die Übungsstunde besteht immer aus Konzentrationsübungen aus dem Qigong bzw. Tai Chi    wie dem „unbeugsamen Arm“ und dem „Flug der Taube“. Unmittelbar daran schließt sich eine Übung zu Kopfgeometrie an. Ein diesbezügliches Beispiel:

Wir schließen die Augen und denken uns ein Quadrat ABCD. Unten sehen wir die Seite AB, oben die Seite CD. Jetzt denken wir uns den Umkreis k des Quadrates ABCD. Die beiden Quadratseiten rechts und links verkürzen sich jetzt beide im selben Maße. Dabei bleiben die Punkte A, B, C und D immer auf dem Kreis k, der  sich nicht geändert hat.  Wir stoppen den Prozess der Seitenverkürzung und merken uns was für ein Viereck aus dem ursprünglichen Quadrat geworden ist. Jetzt lassen wir die obere Seite CD derart nach oben wandern, dass sie immer parallel zur unteren Seite AB bleibt. CD ändert dabei seine Länge weil die Punkte C und D Punkte des Kreises k bleiben. Wir stoppen die Bewegung von CD. Was für ein Viereck ist ABCD jetzt?

Konzentrationsübungen im Rahmen eines MOOCs?

Probieren wir es aus. Wir werden entsprechende Audiofiles in den MOOC integrieren. Und wenn schon Kopfgeometrie warum nicht auch Kopfarithmetik. Ich schätze Christian wird was dazu einfallen.

 

Bericht aus Berlin

Letzte Woche tat Lutz beim #moocfellow Workshop in Berlin das, was er nicht lassen kann: filmen. Herausgekommen ist wie immer eine liebevoll zusammengestellte Collage eingefangener Momentaufnahmen und Eindrücke. Zurücklehnen und anschauen!

 

Es wird geMOOCt!

Hallo Welt. 🙂

Es wird geMOOCt, mit Mathe! Wir haben einen von zehn MOOC Fellowships der Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und von iversity erhalten und dürfen loslegen.

Die puren Facts:

Follow us! 🙂

Einen MOOC designen: Die 11 Phasen der „User-Reise“

USER STORY / JOURNEY
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Ein MOOC, wie jeder andere Web-Service, lässt sich als „Reise“ betrachten. Verschiedene User begeben sich auf einen Trip, indem sie sich auf diese Umgebung einlassen. Klick für Klick, aber auch in vielen kleinen gedanklichen und emotionalen Schritten“. Die Umgebung so einzurichten, dass diese Reise für die User erfolgreich und befriedigend verläuft, ist Aufgabe des „User Experience Design“ (UX). Tatsächlich wurde auch bereits der Schritt unternommen, das auf „Learner Experience Design“ zu übertragen (siehe hier).  Im folgenden adaptiere ich versuchsweise dieses konkrete Modell aus der UX-Praxis für einen MOOC.

UX ist ein Begriff aus dem Webdesign, und nicht zufällig: Ein MOOC ist ja zuerst und zuletzt eine Webseite! Und ein/e MOOC-Lerner/in ist jemand, der/die wiederholt auf einen Bildschirm starrt! Das „Medium“ ist nur eine vermittelnde Instanz, es steht vielmehr von Anfang an im Zentrum.

Wenn man einen MOOC (oder eine andere komplexe Web-Service) entwirft, sollte man also die typischen „Stationen“ einer solchen Reise aus der Sicht der User zu verstehen versuchen. Eine solche Rekonstruktion sollte man immer in Ich-Form schreiben! Wir müssen unbedingt vermeiden, dass wir aus unserer Sicht, also aus der Sicht der Instruktoren, designen. Und das ist schwer, weil man automatisch immer wieder in diese Position zurückrutscht.

Diese Rekonstruktion hier ist typisiert: In Wahrheit gibt es verschiedene User-Typen, mit mehr oder weniger guten Voraussetzungen, Vorkenntnissen und Motivationslagen. Aber alle durchlaufen die Phasen, die im folgenden einmal versuchsweise unterschieden werden:

[A] Phasen der „User-Reise“:

(1) Ich entdecke den MOOC (wie genau?), schau mir das an, finde es interessant, überlege ob ich mitmachen will. Was sind meine mitgebrachten Empfindungen, Eindrücke und Überlegungen, die der MOOC anspricht? (Das ist bei verschiedenen Usern verschieden.)

(2) Ich melde mich an. Ich forme eine (meist sehr vage) Erwartung: ein Bild von mir im MOOC: was ich machen weder, wie intensiv, warum es toll sein wird. Vielleicht habe ich auch schon etwas Zweifel: Werde ich durchhalten? („Mal sehen.“) Ich versuche mich vorab zu orientieren.

(3) Der MOOC startet. Es gibt einen Startschuß, es gibt Impulse. Ich muss mich zurechtfinden, ich bin enthusiastisch (Jedem Anfang wohnt ein zauber inne.), aber auch unterschwellig desorientiert und leicht überfordert. Was passiert da gleichzeitig? Der formale Kurs, die Community? Wie sortiere ich das für mich? Was kann ich selbst machen, wie kann ich das für mich irgendwie aneignen? Ich probiere herum, teste Objekte aus und breche sie ab, bis es sich „richtig“ anfühlt. Ich bin sehr empfänglich für motivierende Peer-Aktivitäten draußen und für Feedback.

(4) Mitmachen: In irgendeiner Form muss ich möglichst früh ein kleines Stückchen meines Herzens in diesen MOOC hineintun. Das erste: Mein Name, mein Profilbild. Das zweite: Ein Kommentar/Frage, die ich mit Namen zeichne. Oder/und ich erhebe einmal meine Social Media-Stimme. Das dritte: Etwas von mir Produziertes: etwa ein Scribble mit meinem Lösungsversuch, in meiner Handschrift (das ist sehr persönlich). Oder ein getippter inhaltlicher Beitrag (das ist abstrakter).

(5) Die erste Wiederholung. Es geht ja jede Woche von Neuem los. Der Neuheitseffekt wird schwächer (im Positiven wie im Negativen). Ich versuche, eine Art der Beteiligung zu finden, die in meinen anderen Wochenablauf passt und mir positive Impulse gibt. Es gibt auch erste Frustrationen (keine Zeit, ich war nicht diszipliniert/hartnäckig, irgendwas am MOOC nervt mich …). Wie komme ich dazu, weiterzumachen?

(6) Ich absolviere mein erste, kompakte „Lerneinheit“: Also eine Kette von kleineren Lernerfahrungen, die sich für mich zu einer sinnvollen Einheit zusammenschließen. Typischer Weise innerhalb einer Woche. Vermutlich ist das erst die zweite oder sogar dritte Lerneinheit von allen. Was hat funktioniert? Welche Typen von solchen Einheiten gibt es? Ich kann ja eine oberflächliche Einheit,eine Mitmacher-Einheit oder eine „harte“ Aktivisten-Einheit erlebt haben.

(7) Ich wiederhole (wieder und wieder) die kompakte Lerneinheit. Das verstärkt einerseits meine Motivation („es läuft“). Wie kann ich das in eine „Routine“ übersetzen, die mir künftig hilft, ohne großen Aufwand immer neu gleich hineinzufinden? Positiv: Meine Erfahrung, dass etwas „wächst“. Idealer Weise etwas greifbares: Meine Notizen (analog oder digital), der „Stapel“ der abgearbeiteten Übungen, die Zahl meiner Bookmarks … Andererseits rücken die störenden und irritierenden Faktoren in den Vordergrund: selbst verantwortete und dem MOOC zugeschriebene. Ich sammle weitere kleine Frustrationserlebnisse. Wie verarbeite ich die? Auf welchen Ebenen liegen die?

(8) Community-Erlebnis: Ich habe eine soziale Geschichte in diesem MOOC. Es gab Impulse, Interaktionen. Ich entwickle eine Identität. Das ist positiv: Ich bin jetzt auch durch meine Peers gebunden. Das kann auch erschwerend sein: Andere besetzen den sozialen Raum, ich finde keinen rechten Platz für mich und meinen Standpunkt. Ich muss die richtigen Leute und die richtige Ebene der Interaktion finden.

(9) Unterbrechung: Die Wiederholungen sind gelungen, ich bin noch dabei. Ich bin „sozial integriert“ auf der Ebene, die für mich passt. Aber jetzt wird die Zeit lang. Es kommt etwas dazwischen. Ich setze eine Woche aus oder tue eine Zeitlang weniger. Wie finde ich von neuem hinein? Muss ich das aufholen? Wenn nicht, warum nicht? Und wenn ja, wie mache ich das?

(10) Zwischenabschluss: Idealer Weise gibt es eine greifbar nahe Stufe, wo ich eine in sich geschlossene Etappe erfolgreich abgeschlossen habe. Jetzt entscheide ich mich zur nächsten Etappe.

(11) Abschluss: Am Ende darf nicht alles versanden, bis man sich durchs Ziel schleppt. Es muss nochmals einen Abschluss-Schwung geben, der es uns erlaubt, gemeinsam mit Befriedigung das Ende zu erleben.

Wenn die „Reise“ vollständig und erfolgreich abgeschlossen ist, sind alle diese Stationen durchlaufen worden, auch wenn für verschiedene Usertypen dann verschiedene Aspekte unterschiedlich wichtig waren.

In jeder dieser Phasen gibt es nun wieder, wenn man sie genau betrachtet, eine Verkettung von Aktionen und Erfahrungen mit der Webseite. Die Reise funktioniert in der Regel nicht „von selbst“. Auf jeder Stufe brauche ich Unterstützung, auf jeder Ebene muss es auch Faktoren geben, die mich stützen und schieben. Das ist auch in der wirklichen Welt so! Im MOOC können diese Faktoren sowohl aus der virtuellen Umgebung kommen als auch aus der „wirklichen Welt“. Sie können von außen kommen oder von innen. Und das kann bei jeder Stufe wieder anders gemischt sein.

Wichtig: Aufgabe des Design ist weniger, die Leute mit aktiven „Hilfestellungen“ über die Hürden zu tragen, als ihnen möglichst viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihnen passende Möglichkeiten und Werkzeuge zu geben. Um das richtig einzurichten (= Design), muss man sich klarmachen, wo die neuralgischen Punkte sein werden: Wo reichen die Ressourcen der User am wenigsten aus?

[B] Entscheidende Punkte in jeder Phase

Für jede Phase kann man ein Modell von verketteten Erfahrungen und Interaktionen annehmen (Blick auf den Screen; (Re-)Aktionen, die sich irgendwie niederschlagen. Dabei gibt es Punkte, an denen sich entscheidet, ob und wie es weitergeht: A führt zu B (oder C, oder zurück zu A) … oder zum Abbruch.

Diese Phasen-Modelle sind Grundlage des konkreten Design im weiteren Sinn: Dazu gehören nicht nur Grafische Anordnung, Beschriftungen, Links zeigen oder nicht usw., sondern auch zur Verfügung gestellte Tutorials oder Community Management-Aktionen.

[C] Fragen der User (zu jedem Punkt der Phase bzw. auch zu jeder Phase insgesamt)

Hier (wie oben unter [A] schon z.T. angedeutet) die unterschwlligen Fragen der User aussprechen und hinschreiben. Was sie laut denken würden, wenn sie selbst wahrnehmen würden, was und warum sie gerade (nicht) tun. Wenn diese Fragen sich im Design wiederspiegeln, geht es leichter weiter.

MOOC FAQ: Ein paar Hinweise für Neulinge und eine Checkliste

Sagen wir, Sie denken gerade über ein MOOC-Projekt nach und stellen sich grundlegende Fragen. Was sind die Chancen für einen Erfolg? Können wir das überhaupt mit unseren Mitteln? Lohnt es sich überhaupt, den Aufwand zu betreiben? Ist das nicht doch nur ein Hype? Das fragen wir uns auch.

Hier sind ein paar grundlegende Hinweise für Anfänger. Und das schließt uns selbst mit ein: Denn eigentlich weiß noch niemand genau, wie das geht. (Dort habe ich in einem eigenen Blogpost grundsätzlich erklärt, was ein MOOC eigentlich im Kern ist und warum das wichtig ist.)

(1) Gibt es bei MOOCs überhaupt ein richtig oder falsch?

Warum soll ich Leuten zuhören, die mir erklären, wie MOOCs zu sein haben oder nicht? Schließlich ist das ja eine informelle Bezeichung: Niemand kann ja darüber entscheiden, ob sich etwas „MOOC“ nennen darf oder nicht.

Es stimmt: Man kann im Prinzip jedes Lernangebot MOOC nennen, das
— einen Anfang und ein Ende hat und mehrere Wochen dauert;
— das mindestens mehrere Hundert LernerInnen gleichzeitig erreichen soll;
— das irgendwie Interaktion und Kommunikation der Lernenden im Netz anregen will.

Weil noch kaum jemand weiß, wie man so etwas wirklich wirkungsvoll und ökonomisch macht, gibt es auf den großen MOOC-Plattformen wie Coursera, Udacity usw. aber sehr viele MOOC-Angebote, die nicht funktionieren. Es gibt bis jetzt fast niemand mit genügend Routine und Erfahrung bei der Erstellung von erfolgreichen MOOCs.

Es gibt aber schon Kriterien, die die Erfolgschance massiv erhöhen. Das sind zuallererst die Kriterien des Web als Medienumgebung.

(2) Genügt es nicht, als renommierte/r Universitätslehrer/in erstklassige Inhalte anzubieten?

Nein. Ein paar Video-Vorlesungen mit eingebauten Multiple Choice-Tests ins Netz zu stellen, reicht allerhöchstens dann, wenn

  • die Inhalte den Lernenden draußen sehr wichtig sind (intrinsisch oder extrinsisch) und wenn sie auf andere Weise gar nicht oder nur sehr schwer erreicht werden können;
  • die anbietende Institution auf diesem speziellen Gebiet außerordentlich renommiert ist;
  • die Person der/des Lehrenden außerordentlich renommiert, berühmt oder auch nur (medien-)didaktisch begabt ist;
  • sich draußen sehr viele Leute gleichzeitig für dieses Angebot interessieren (selbstverstärkender Effekt).

Das ist vielleicht dann der Fall, wenn Sie ein/e berühmte/r Professor/in an einer weltweit renommierten, englischsprachigen Elite-Uni sind, sehr gut vortragen können und wenn Ihr Fachgebiet für sehr viele Leute sehr attraktiv und dringlich ist.

(In aller Regel reicht das aber nicht einmal dann: Damit die Leute dabei bleiben, müssen die meisten MOOCs auch noch gut gemachte Medien-Inhalte anbieten, die für das Web als Medien-Umgebung besonders geeignet sind: also eher Videos im YouTube-Stil als Vorlesungsmitschnitte, und eher Blogposts als lange PDF-Texte.)

Wenn alles gut geht, entsteht dann ganz ohne Ihr Zutun ein sich selbst verstärkender Netzwerk-Effekt. Dann bildet sich um Ihren Kurs eine unüberschaubare Community mit zumindest mehreren Hundert oder auch Tausenden von aktiven TeilnehmerInnen, die sich im Netz ständig gegenseitig Resonanz geben. (Aber in aller Regel müssen Sie sich um dieses Community Management schon auch noch kümmern.)

(3) Aufgemotzte Fernlehre?

In einem solchen idealen Selbstläufer-MOOC werden dann sogar die extrem standardisierten Multiple Choice-Frage/Antwort-Spielchen, die schon jetzt an den Universitäten das persönliche Lernen weit mehr behindern als fördern, nicht mehr als sinnbefreite Prüfungsmaschinerie wahrgenommen, sondern als laufende persönliche Selbstvergewisserung.

Das wäre zugleich ein xMOOC, also die Art von MOOC, um die es beim gegenwärtigen Hype vor allem geht: Gerade Universitätsleute stellen sich immer noch Fernlehre vor, aber eben aufgemotzt mit den Steroiden des Web 2.0. Die schlagende Alternative zu mediokren Routineveranstaltungen an real existierenden Unis abseits der Exzellenz-Inseln. Und zugleich eine Alternative zur drögen Online-Vorlesung, die ein Format ins Netz überträgt, dass schon live an den Universitäten sehr oft nur sehr schlecht funktioniert.

Nur: Ein solcher Fernlehre-MOOC ist in aller Regel zu wenig. MOOCs sind im Kern Selbstlern-Erfahrungen, keine Lehrveranstaltungen. Die Kriterien der Offline-Universität genügen also nicht. (Selbst wenn man in der Offline-Welt ein/e „gute/r Lehrer/in“ ist, ist das noch nicht genug. Aber es hilft natürlich.)

(4) Wie war das beim mythischen ersten MOOC?

Alle oben aufgeführten günstigen Bedingungen trafen auf den ersten Mega-MOOC zu: den Online-Kurs über Artificial Intelligence, den Sebastian Thrun Ende 2011 an der Universität Stanford für die ganze Welt öffnete. (Thrun und sein Partner Peter Norvig sind berühmt als Google-Forscher und Mitentwickler des selbstfahrenden Autos.)

Sogar bei diesem Kurs spielte aber die besondere Medien-Qualität des Materials eine wichtige Rolle für den Erfolg: Die Edel-Wissenschaftler Thrun und Norvig drehten ihre sympathisch handgemachten Videos aufwändig selbst im Hobbykeller und sie sprachen die Lernenden dabei mit einer sehr persönlichen Stimme an. Alle, die den Kurs im Browser mit einem Klick (ohne Zugangsschwelle) aufriefen, konnten sich dabei immer von Neuem so fühlen, als säßen sie mit einem weltberühmten Forscher am Tisch und bekämen von ihm persönlich eines der innovativsten Forschungsgebiete erklärt.

Es kam noch hinzu, dass das Angebot einen Nerv traf und zur Sensation wurde: der erste weltweite Massen-Kurs von dieser Qualität und in dieser mediengemäßen Machart. Sogar die Macher waren davon völlig überrascht. Inzwischen gibt es aber hunderte, ja tausende von MOOC-Angeboten.

(5) Was bedeutet das jetzt für mich und mein MOOC-Projekt?

Sie sind nicht der berühmte, coole Google-Forscher Sebastian Thrun. Ihre Institution ist vermutlich nicht unbestritten eine der weltweit allerersten Adressen für Ihr Thema (wie es die Universität Stanford speziell für AI ist). Sie sitzen nicht an einer USA-Eliteuniversität, die in der ganzen englischsprachigen Welt als Goldstandard für akademische Exzellenz gilt.

Vielleicht sprechen Sie überhaupt nur die deutschsprachige Welt an, d.h. Ihre potenzielle Zielgruppe ist allein deshalb schon mindestens um den Faktor 10 niedriger. Und vermutlich haben Sie auch keinen Lern-Inhalt, der mit der digitalen Form der Vermittlung so gut harmoniert wie im Fall von AI und ähnlichen coolen Computer- oder Internet-Themen.

(6) Hat das also überhaupt Sinn, einen MOOC zu versuchen? Eine Checkliste.

Die Frage ist schwer, auf Anhieb zu beantworten. Ein vorsichtiges Ja ist dann angebracht, wenn Sie mindestens (!) drei und möglichst mehr der folgenden Fragen positiv beantworten können:

  • Ist das Thema sehr dringend für sehr viele Leute? (Dann nehmen die Leute die Schwierigkeiten eher in Kauf, sich im Netz über einen längeren Zeitraum eigenmotiviert mit einem komplexeren Thema zu beschäftigen.)
  • Sehen Sie eine Chance, den MOOC so bekannt zu machen, dass sich beim ersten Mal mindestens 500 Leute (bei Universitäten) oder 200 Leute (in sehr motivierten Fach-Communities) anmelden? Ist es realistisch, dass jede Woche mindestens 150 Leute im virtuellen Raum aktiv sind? (Das ist die Untergrenze. Darunter kann man natürlich gute Online-Seminare machen, aber es ist nicht „massenhaft“, und das bedeutet: die positiven Netzwerk-Effekte fallen weg.)
  • Sind die vielen Leute, die das dringend interessiert, von Haus aus eher isoliert, aber mit einigermaßen gutem Internet-Zugang? (Dann ist die Euphorie größer, dass man sich mit Gleichgesinnten zur selben Zeit im Netz trifft.)
  • Spricht in Ihren Medien (Videos, Texte) der/die ExpertIn selbst die TeilnehmerInnen möglichst direkt an, und zwar mit einer persönlichen Stimme? (Der formelle Tonfall und Argumentationsstil von Akademikern und Experten ist nicht für das Web geeignet.)
  • Haben Sie eine Web-Umgebung vorbereitet, die das Entstehen einer Netz-Community begünstigt? Setzen Sie Blogs, Twitter oder ähnliche Medien ein? Gibt es eine Kerngruppe, die dieser Community Impulse gibt? (Nein, ein konventionelles Kurs-Forum genügt nicht.)
  • Haben sie jemand, der begabt ist für selbstgedrehte Web-Videoformate? Hat Ihr Team das Knowhow, um solche Videos in ausreichender Qualität (vor allem: möglichst guter Tonqualität!) zu drehen und zu bearbeiten?
  • Ist Ihr Thema geeignet, um in viele kleine, für sich stehende Module zerlegt zu werden? Hat es trotzdem genug inneren Zusammenhang, dass für die Leute draußen ein Spannungsbogen entsteht, der acht oder mehr Wochen trägt?
  • Gibt Ihr Thema den Leuten Gelegenheit, laufend selbst etwas auszuprobieren, also nicht nur durch schematisierte Multiple Choice-Rückmeldung? Noch besser: Eignen sich solche Do-it-yourself-Produkte zum Hochladen und Teilen im Web? (Auch Kritzeleien auf einem Blatt Papier kann man fotografieren und hochladen.)
  • Sind Ihre Zielgruppen einigermaßen web-affin oder sind eher besondere Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Web als Medium zu erwarten?
  • Haben Ihre Zielgruppen realistischer Weise über Wochen hinweg die nötige Zeit, sich mit Ihrem Thema zu beschäftigen? D.h. maximal 6 – 8 Stunden, und auch das nur für außerordentlich motivierte TeilnehmerInnen? (Typischer Weise invstieren die meisten, die überhaupt dabeibleiben, eher 2 – 4 Stunden pro Woche.)
  • Kann man an Ihrem Kurs auch dann mit Gewinn teilnehmen, wenn man nicht zu den (allerhöchstens) 10% gehört, die die volle Zeit investieren und am Ende einen Test bestehen (oder bestehen könnten)?

Je mehr dieser Fragen Sie mit „Ja“ beantworten können, desto höher sind die Chancen für Ihren MOOC.

(7) Wie sieht das bei unserem Mathemooc aus?

Wir werden sehen. Klar ist, dass wir u.a. folgende Schwierigkeiten haben werden:

  • Wir brauchen eine kritische Masse. Und die entsteht einerseits durch die Zahl der TeilnehmerInnen, die in jeder MOOC-Woche einen anregenden Resonanzraum bilden, und durch den Grad ihrer eigenmotivierten Aktivität. Der Mathemooc wird eher klein sein, also brauchen wir einen höheren Aktivitätsgrad.
  • Der MOOC kann sich nicht nur an Studierende der Mathematik-Didaktik richten: Das wären zu wenige. Zumindest sollte er auch LehrerInnen ansprechen (aber die haben wenig Zeit), und dazu auch interessierte Laien (von denen es gar nicht so wenige gibt, aber man muss sie erst einmal erreichen).
  • Die Videos müssen sehr gut gemacht sein. Und sie müssen nicht nur den Einzelnen einen Sachverhalt gut erklären, sie müssen die Leute auch anregen, im Web mitzumachen und sich auszutauschen. Mathe ist nun aber nicht unbedingt eine sehr soziale Disziplin.