Über Geheimzirkel und Verschwörungstheorien

Eine Möglichkeit, die Beschäftigung mit Mathematik zu motivieren, ist ein Einblick in das Leben berühmter Mathematiker, die oft nur im Abstrakten bleiben. Mathematiker sind aber schließlich Menschen aus Fleisch und Blut gewesen, die vermutlich ein genau so spannendes Leben geführt haben wie jeder von uns.

Den Satz von Pythagoras kennt jeder, aber Pythagoras? Irgend so ein Grieche, der sich mit rechtwinkligen Dreiecken befasst hat? Weit gefehlt. Wer stöbert, der findet. Zum Beispiel im Buch Musik, Magie und Medizin von Lutz, das er bereits 1997 in Vorbereitung auf den MOOC geschrieben hat, oder im Buch der Zahlen von Peter J. Bentley (danke an Teufelchen für den Tipp). Ein paar Stichpunkte machen klar, dass das Leben von Pythagoras höchst spannend war:

  • Er war Begründer eines Geheimzirkels, einer „erfolgreichen Mysterienschule“, einer Philopsophiesekte, mit allem Geheimkrämerei-Schnickschnack, den man sich so denken kann: ein innerer Zirkel, in den man erst nach einer Einweihung gelangte, 5 Jahre lang Redeverbot nach Einstieg in die Mysterienschule, Meditation, Seelenheil, priesterliches Geheimwissen, Geheimhaltung und entsprechende Verschwörungstheorien: „Es gab drei Grade der Einweihung. Zunächst lernten die Schüler die acoustici, die mathematisch-harmonikalen Grundlagen anhand des Monochord. In der zweiten Stufe ging es um die mathematici, die tieferen Gesetze der Mathematik, verbunden mit Meditationstechniken, Gedankenkontrolle und persönlicher Läuterung. Auf der dritten und höchsten Stufe erwarteten die electi die Mysterien der persönlichen Transformation, der seelischen Verwandlung und die Heilung mit Klang und Musik.“ (Berger, S. 241)
  • Pythagoras war natürlich „Allrounder“, wie das damals üblich war: Philosophie, Mathematik, Politik, Religion. Für nichts war er sich zu schade.

School_of_Giordano_Pythagoras

  • Eines seiner Hauptbetätigungsfelder waren Harmonik und Ästhetik: Musik auf der Erde ist ein Abklatsch der Harmonie, die zwischen den Planeten herrscht.  Ein höherer Sinn steckt dabei im Verhältnis der Zahlen zueinander: Proportionen haben eine ästhetisch-harmonische Bedeutung.
  • Wie immer wussten andere es schon vorher. Das Orakel von Delphi soll vorhergesagt haben, dass Pythagoras „auserwählt sei, den Menschen Schönheit, Harmonie und Weisheit zu bringen.“ (Berger, S. 241)
  • In allen Dingen war er sehr fortschrittlich: Männer und Frauen waren in seiner Schule gleichberechtigt. Aber nicht nur fortschrittlich, sondern auch streng: „Sie mussten ihren Besitz aufgeben, Vegetarier werden und folgende Überzeugungen annehmen: 1) dass die Welt in ihren Urprinzipien mathematischer Natur ist, 2) dass diese Philosophie für die geistige Reinigung verwendet werden kann, 3) dass die Seele sich mit dem Göttlichen vereinen kann 4) dass bestimmte Symbole eine mystische Bedeutung haben, 5) und dass alle Jünger des Ordens loyal und verschwiegen sein sollten.“ (Bentley, S. 29). Also, zumindest vermutet man das so, es drang ja kaum was nach außen, gell.
  • Jede Menge Legenden ranken sich um seinen Tod: War es Mord oder eine politische Verschwörung?

Geheimzirkel, Priesterwissen, Verschwiegenheit, Verschwörung… das ist doch voll die Mystery-Kiste! Wenn sich das mal nicht als Motivation eignet: Wir weihen die MOOC-Teilnehmer in geheimes Mathematik-Wissen ein! Sie werden aufgenommen in den Zirkel der Erlauchten und  mathematikoi genannt. Man durchläuft mehrere Stadien der Einweihung… und es herrsche absolute Verschwiegenheit! Wär das was?