Wie macht man MOOC-Videos im Khan-Style?

Salman Khan ist ein Auslöser des MOOC-Booms: Ein New Yorker Hedgefond-Analyst, der zuerst einer Kusine aus Kalifornien Mathematik-Nachhilfe gab, per Video. Weil andere Verwandte und deren Freunde, die Videos auch wollten, stellter er sie 2006 auf Youtube und erreichte damit bald schon extrem hohe Abrufzahlen. Nach der Finanzkrise warf Khan seinen Job hin und gründete die „Khan Academy“, die inzwischen mit Millionen von der Bill Gates-Foundation unterstützt wird.

Khan war am MIT Student des IT-Architekten Agarwal, der inzwischen selbst Leiter der Open Source-MOOC-Plattform edX geworden ist. Für Agarwal und edX machte Khan vor einen halben Jahr ein Video darüber, worauf es bei Khan-style Videos ankommt. [Hier anschauen.]

Hier sind die vier Punkte, die Khan nennt, jeweils ergänzt mit eigenen Erklärungen.

(1) Knowledge Café: Der Tonfall ist das Wichtigste

Wichtig ist die Sprechsituation, die durch die Stimme entsteht: Eine echte, authentische Person spricht auf Augenhöhe (!)zu einer anderen Person, hier und jetzt. Es sollte klingen wie in einem Café: Als ob zwei Leute zusammen an einem Tisch sitzen, und eine/r hat gerade den/die andere/n gebeten, genauer zu erklären, wie etwas geht oder wie etwas sich verhält.

Konversationston heißt vor allem: nicht emotionslos. Es muss emotionale Bewegung in der Stimme sein. Deine eigenen Emotionen, dein eigenes (echtes!) Nachdenken beim Sprechen, dein Akzent … all das gehört dazu. Du bist nicht neutrale/r Sprecher/in für die Tonspur eines Films!

Du sprichst auf Augenhöhe, als Privatperson. Authentisch, nicht aus einer schützenden Rolle heraus. Nicht von oben herab: Kein bevormundender Ton, kein Dozieren. Aber auch nicht bemüht simpel, betont didaktisch. Nicht wie ein/e Dozent/in in einem Vorlesungssaal oder Seminarraum. Nicht wie ein/e  „geduldige/r Nachhilfelehrer/in“ und auch nicht wie gütige und/oder strenge „gute Lehrer“. (Das machen die allermeisten MOOC-Videos falsch!)

Was und wie du sprichst, sollte geeignet sein, das Selbstgespräch der anderen Person anzuregen. Ein Erklärvideo lässt ja immer eine Leerstelle frei für den/die Lerner/in, die den Gedankengang gerade verfolgt. Wenn das Video dann läuft, ist diese Person aber damit allein. Das Web ist ein persönliches, intimes Medium. (Anders als TV, Radio, Zeitung oder Schulbücher.) Im Web geht es im Kern um Resonanz: Um das Selbstgespräch der anderen, das beim Lesen oder Hören zu meinem eigenen Selbstgespräch wird.

Selbstgespräch heißt auch, dass dein eigener Gedankengang beim Sprechen authentisch sein muss. Etwas, dass du dir beim Sprechen selbst gerade klar machst. Du stellst dir stellvertretend die Fragen, die man sich als aufmerksamer, klar denkender Mensch vernünftiger Weise stellt. Genau das ist die Rolle, die für die Weblerner/innen ausgespart ist. (Gleich, ob sie diesem Anspruch tatsächlich voll gerecht werden oder nicht.)

(2) Visuell und farbig

Khan zeichnet und schreibt in seinen minimalistischen Videos, während er etwas zeigt. Das ist ein bisschen wie eine Tafelzeichnung, aber es ist nicht dasselbe. Das Web ist ein viel intimeres Medium. Es ist eher wie die Kritzelei auf einer Serviette, wenn du im Café einem guten Bekannten eine Sache verständlich machst.

Das Provisorische ist wichtig! Professionelle Computer-Grafiken leisten nicht mehr, sondern weniger! Es geht nicht darum, dass jemand staunend einer Hochglanz-Darbietung zusieht. Erst das Handgemachte und Unperfekte macht das Video zu einem Denkwerkzeug. Es ist ein gezeichnetes Selbstgespräch: „Als ob ich es selbst zeichnen würde, um es mir zu besser verdeutlichen.“

Die Zeichnung ist also selbst eine Art Denkprozess. Deshalb sind Farben und andere Markierungen wichtig, die Text oder Grafik anreichern. Diagramme (auch handgezeichnet!) sind gut, wenn sie konkret sinnvoll sind.

(3) Sich vorbereiten

Vorbereitung ist wichtig, aber nicht schriftlich, sondern eher als Konzentrationsphase. Khan empfiehlt: Bereite dich geistig vor, dann sprich in einem Zug. Kein ausgefeiltes Skript benutzen! Nur ein paar hingewordene Stichpunkte, die den Bogen skizzieren.

Wenn beim Sprechen ein größerer Fehler passiert: Lieber gleich ganz von vorn beginnen (wegen dem Schwung). Nicht Schneiden und Editieren! Kleine Fehler korrigiert man während des Sprechens, das erhöht die Authentizität.

(4) So kurz wie möglich, aber nicht zu kurz!

Khan empfiehlt für seine Erklär-Videos ca. 8 Minuten (zwischen 6 und 10 Minuten). Das ist länger als bei typischen Web-Clips, die zwischen 2 und 4 Minuten dauern. Das geht in diesem Fall, weil die Lerner/innen an dem Denkprozess teilnehmen wollen und weil Khan eine ruhige, sehr sparsame und konzentrierte visuelle Umgebung schafft. (Faustregel: Je mehr visuelle Extras und Elemente, desto kürzer muss das Video sein.)

Die Clips von 6 – 8 Minuten Länge schaffen auch einen Rhythmus. Die Pausen dazwischen sind wichtig, und auch, dass das jeweils nächste Video (oder andere Medienobjekt) gezielt ausgewählt und angeklickt wird. Die Videos sollten auch nicht zu kurz sein: Knappheit ist gut, aber kein Selbstzweck. Deshalb auch der Konversationston: Man muss entspannt folgen können und ein bisschen Raum zum Selberdenken haben.

Ein Video sollte eine gedankliche Einheit enthalten. Einen Bogen. Zwei Bögen nacheinander sind schon zuviel: Dann lieber zwei Videos daraus machen. Wenn der Stoff einer „Lektion“ zu lang ist: Herunterbrechen auf zwei, allerhöchstens drei Erkärvideos. Alles andere kann man auslagern in kurze Texte und/oder Grafiken (Blogformate), die von den Kernvideos aus verlinkt sind.

 

Einen MOOC designen: Die 11 Phasen der „User-Reise“

USER STORY / JOURNEY
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Ein MOOC, wie jeder andere Web-Service, lässt sich als „Reise“ betrachten. Verschiedene User begeben sich auf einen Trip, indem sie sich auf diese Umgebung einlassen. Klick für Klick, aber auch in vielen kleinen gedanklichen und emotionalen Schritten“. Die Umgebung so einzurichten, dass diese Reise für die User erfolgreich und befriedigend verläuft, ist Aufgabe des „User Experience Design“ (UX). Tatsächlich wurde auch bereits der Schritt unternommen, das auf „Learner Experience Design“ zu übertragen (siehe hier).  Im folgenden adaptiere ich versuchsweise dieses konkrete Modell aus der UX-Praxis für einen MOOC.

UX ist ein Begriff aus dem Webdesign, und nicht zufällig: Ein MOOC ist ja zuerst und zuletzt eine Webseite! Und ein/e MOOC-Lerner/in ist jemand, der/die wiederholt auf einen Bildschirm starrt! Das „Medium“ ist nur eine vermittelnde Instanz, es steht vielmehr von Anfang an im Zentrum.

Wenn man einen MOOC (oder eine andere komplexe Web-Service) entwirft, sollte man also die typischen „Stationen“ einer solchen Reise aus der Sicht der User zu verstehen versuchen. Eine solche Rekonstruktion sollte man immer in Ich-Form schreiben! Wir müssen unbedingt vermeiden, dass wir aus unserer Sicht, also aus der Sicht der Instruktoren, designen. Und das ist schwer, weil man automatisch immer wieder in diese Position zurückrutscht.

Diese Rekonstruktion hier ist typisiert: In Wahrheit gibt es verschiedene User-Typen, mit mehr oder weniger guten Voraussetzungen, Vorkenntnissen und Motivationslagen. Aber alle durchlaufen die Phasen, die im folgenden einmal versuchsweise unterschieden werden:

[A] Phasen der „User-Reise“:

(1) Ich entdecke den MOOC (wie genau?), schau mir das an, finde es interessant, überlege ob ich mitmachen will. Was sind meine mitgebrachten Empfindungen, Eindrücke und Überlegungen, die der MOOC anspricht? (Das ist bei verschiedenen Usern verschieden.)

(2) Ich melde mich an. Ich forme eine (meist sehr vage) Erwartung: ein Bild von mir im MOOC: was ich machen weder, wie intensiv, warum es toll sein wird. Vielleicht habe ich auch schon etwas Zweifel: Werde ich durchhalten? („Mal sehen.“) Ich versuche mich vorab zu orientieren.

(3) Der MOOC startet. Es gibt einen Startschuß, es gibt Impulse. Ich muss mich zurechtfinden, ich bin enthusiastisch (Jedem Anfang wohnt ein zauber inne.), aber auch unterschwellig desorientiert und leicht überfordert. Was passiert da gleichzeitig? Der formale Kurs, die Community? Wie sortiere ich das für mich? Was kann ich selbst machen, wie kann ich das für mich irgendwie aneignen? Ich probiere herum, teste Objekte aus und breche sie ab, bis es sich „richtig“ anfühlt. Ich bin sehr empfänglich für motivierende Peer-Aktivitäten draußen und für Feedback.

(4) Mitmachen: In irgendeiner Form muss ich möglichst früh ein kleines Stückchen meines Herzens in diesen MOOC hineintun. Das erste: Mein Name, mein Profilbild. Das zweite: Ein Kommentar/Frage, die ich mit Namen zeichne. Oder/und ich erhebe einmal meine Social Media-Stimme. Das dritte: Etwas von mir Produziertes: etwa ein Scribble mit meinem Lösungsversuch, in meiner Handschrift (das ist sehr persönlich). Oder ein getippter inhaltlicher Beitrag (das ist abstrakter).

(5) Die erste Wiederholung. Es geht ja jede Woche von Neuem los. Der Neuheitseffekt wird schwächer (im Positiven wie im Negativen). Ich versuche, eine Art der Beteiligung zu finden, die in meinen anderen Wochenablauf passt und mir positive Impulse gibt. Es gibt auch erste Frustrationen (keine Zeit, ich war nicht diszipliniert/hartnäckig, irgendwas am MOOC nervt mich …). Wie komme ich dazu, weiterzumachen?

(6) Ich absolviere mein erste, kompakte „Lerneinheit“: Also eine Kette von kleineren Lernerfahrungen, die sich für mich zu einer sinnvollen Einheit zusammenschließen. Typischer Weise innerhalb einer Woche. Vermutlich ist das erst die zweite oder sogar dritte Lerneinheit von allen. Was hat funktioniert? Welche Typen von solchen Einheiten gibt es? Ich kann ja eine oberflächliche Einheit,eine Mitmacher-Einheit oder eine „harte“ Aktivisten-Einheit erlebt haben.

(7) Ich wiederhole (wieder und wieder) die kompakte Lerneinheit. Das verstärkt einerseits meine Motivation („es läuft“). Wie kann ich das in eine „Routine“ übersetzen, die mir künftig hilft, ohne großen Aufwand immer neu gleich hineinzufinden? Positiv: Meine Erfahrung, dass etwas „wächst“. Idealer Weise etwas greifbares: Meine Notizen (analog oder digital), der „Stapel“ der abgearbeiteten Übungen, die Zahl meiner Bookmarks … Andererseits rücken die störenden und irritierenden Faktoren in den Vordergrund: selbst verantwortete und dem MOOC zugeschriebene. Ich sammle weitere kleine Frustrationserlebnisse. Wie verarbeite ich die? Auf welchen Ebenen liegen die?

(8) Community-Erlebnis: Ich habe eine soziale Geschichte in diesem MOOC. Es gab Impulse, Interaktionen. Ich entwickle eine Identität. Das ist positiv: Ich bin jetzt auch durch meine Peers gebunden. Das kann auch erschwerend sein: Andere besetzen den sozialen Raum, ich finde keinen rechten Platz für mich und meinen Standpunkt. Ich muss die richtigen Leute und die richtige Ebene der Interaktion finden.

(9) Unterbrechung: Die Wiederholungen sind gelungen, ich bin noch dabei. Ich bin „sozial integriert“ auf der Ebene, die für mich passt. Aber jetzt wird die Zeit lang. Es kommt etwas dazwischen. Ich setze eine Woche aus oder tue eine Zeitlang weniger. Wie finde ich von neuem hinein? Muss ich das aufholen? Wenn nicht, warum nicht? Und wenn ja, wie mache ich das?

(10) Zwischenabschluss: Idealer Weise gibt es eine greifbar nahe Stufe, wo ich eine in sich geschlossene Etappe erfolgreich abgeschlossen habe. Jetzt entscheide ich mich zur nächsten Etappe.

(11) Abschluss: Am Ende darf nicht alles versanden, bis man sich durchs Ziel schleppt. Es muss nochmals einen Abschluss-Schwung geben, der es uns erlaubt, gemeinsam mit Befriedigung das Ende zu erleben.

Wenn die „Reise“ vollständig und erfolgreich abgeschlossen ist, sind alle diese Stationen durchlaufen worden, auch wenn für verschiedene Usertypen dann verschiedene Aspekte unterschiedlich wichtig waren.

In jeder dieser Phasen gibt es nun wieder, wenn man sie genau betrachtet, eine Verkettung von Aktionen und Erfahrungen mit der Webseite. Die Reise funktioniert in der Regel nicht „von selbst“. Auf jeder Stufe brauche ich Unterstützung, auf jeder Ebene muss es auch Faktoren geben, die mich stützen und schieben. Das ist auch in der wirklichen Welt so! Im MOOC können diese Faktoren sowohl aus der virtuellen Umgebung kommen als auch aus der „wirklichen Welt“. Sie können von außen kommen oder von innen. Und das kann bei jeder Stufe wieder anders gemischt sein.

Wichtig: Aufgabe des Design ist weniger, die Leute mit aktiven „Hilfestellungen“ über die Hürden zu tragen, als ihnen möglichst viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihnen passende Möglichkeiten und Werkzeuge zu geben. Um das richtig einzurichten (= Design), muss man sich klarmachen, wo die neuralgischen Punkte sein werden: Wo reichen die Ressourcen der User am wenigsten aus?

[B] Entscheidende Punkte in jeder Phase

Für jede Phase kann man ein Modell von verketteten Erfahrungen und Interaktionen annehmen (Blick auf den Screen; (Re-)Aktionen, die sich irgendwie niederschlagen. Dabei gibt es Punkte, an denen sich entscheidet, ob und wie es weitergeht: A führt zu B (oder C, oder zurück zu A) … oder zum Abbruch.

Diese Phasen-Modelle sind Grundlage des konkreten Design im weiteren Sinn: Dazu gehören nicht nur Grafische Anordnung, Beschriftungen, Links zeigen oder nicht usw., sondern auch zur Verfügung gestellte Tutorials oder Community Management-Aktionen.

[C] Fragen der User (zu jedem Punkt der Phase bzw. auch zu jeder Phase insgesamt)

Hier (wie oben unter [A] schon z.T. angedeutet) die unterschwlligen Fragen der User aussprechen und hinschreiben. Was sie laut denken würden, wenn sie selbst wahrnehmen würden, was und warum sie gerade (nicht) tun. Wenn diese Fragen sich im Design wiederspiegeln, geht es leichter weiter.

MOOC FAQ: Ein paar Hinweise für Neulinge und eine Checkliste

Sagen wir, Sie denken gerade über ein MOOC-Projekt nach und stellen sich grundlegende Fragen. Was sind die Chancen für einen Erfolg? Können wir das überhaupt mit unseren Mitteln? Lohnt es sich überhaupt, den Aufwand zu betreiben? Ist das nicht doch nur ein Hype? Das fragen wir uns auch.

Hier sind ein paar grundlegende Hinweise für Anfänger. Und das schließt uns selbst mit ein: Denn eigentlich weiß noch niemand genau, wie das geht. (Dort habe ich in einem eigenen Blogpost grundsätzlich erklärt, was ein MOOC eigentlich im Kern ist und warum das wichtig ist.)

(1) Gibt es bei MOOCs überhaupt ein richtig oder falsch?

Warum soll ich Leuten zuhören, die mir erklären, wie MOOCs zu sein haben oder nicht? Schließlich ist das ja eine informelle Bezeichung: Niemand kann ja darüber entscheiden, ob sich etwas „MOOC“ nennen darf oder nicht.

Es stimmt: Man kann im Prinzip jedes Lernangebot MOOC nennen, das
— einen Anfang und ein Ende hat und mehrere Wochen dauert;
— das mindestens mehrere Hundert LernerInnen gleichzeitig erreichen soll;
— das irgendwie Interaktion und Kommunikation der Lernenden im Netz anregen will.

Weil noch kaum jemand weiß, wie man so etwas wirklich wirkungsvoll und ökonomisch macht, gibt es auf den großen MOOC-Plattformen wie Coursera, Udacity usw. aber sehr viele MOOC-Angebote, die nicht funktionieren. Es gibt bis jetzt fast niemand mit genügend Routine und Erfahrung bei der Erstellung von erfolgreichen MOOCs.

Es gibt aber schon Kriterien, die die Erfolgschance massiv erhöhen. Das sind zuallererst die Kriterien des Web als Medienumgebung.

(2) Genügt es nicht, als renommierte/r Universitätslehrer/in erstklassige Inhalte anzubieten?

Nein. Ein paar Video-Vorlesungen mit eingebauten Multiple Choice-Tests ins Netz zu stellen, reicht allerhöchstens dann, wenn

  • die Inhalte den Lernenden draußen sehr wichtig sind (intrinsisch oder extrinsisch) und wenn sie auf andere Weise gar nicht oder nur sehr schwer erreicht werden können;
  • die anbietende Institution auf diesem speziellen Gebiet außerordentlich renommiert ist;
  • die Person der/des Lehrenden außerordentlich renommiert, berühmt oder auch nur (medien-)didaktisch begabt ist;
  • sich draußen sehr viele Leute gleichzeitig für dieses Angebot interessieren (selbstverstärkender Effekt).

Das ist vielleicht dann der Fall, wenn Sie ein/e berühmte/r Professor/in an einer weltweit renommierten, englischsprachigen Elite-Uni sind, sehr gut vortragen können und wenn Ihr Fachgebiet für sehr viele Leute sehr attraktiv und dringlich ist.

(In aller Regel reicht das aber nicht einmal dann: Damit die Leute dabei bleiben, müssen die meisten MOOCs auch noch gut gemachte Medien-Inhalte anbieten, die für das Web als Medien-Umgebung besonders geeignet sind: also eher Videos im YouTube-Stil als Vorlesungsmitschnitte, und eher Blogposts als lange PDF-Texte.)

Wenn alles gut geht, entsteht dann ganz ohne Ihr Zutun ein sich selbst verstärkender Netzwerk-Effekt. Dann bildet sich um Ihren Kurs eine unüberschaubare Community mit zumindest mehreren Hundert oder auch Tausenden von aktiven TeilnehmerInnen, die sich im Netz ständig gegenseitig Resonanz geben. (Aber in aller Regel müssen Sie sich um dieses Community Management schon auch noch kümmern.)

(3) Aufgemotzte Fernlehre?

In einem solchen idealen Selbstläufer-MOOC werden dann sogar die extrem standardisierten Multiple Choice-Frage/Antwort-Spielchen, die schon jetzt an den Universitäten das persönliche Lernen weit mehr behindern als fördern, nicht mehr als sinnbefreite Prüfungsmaschinerie wahrgenommen, sondern als laufende persönliche Selbstvergewisserung.

Das wäre zugleich ein xMOOC, also die Art von MOOC, um die es beim gegenwärtigen Hype vor allem geht: Gerade Universitätsleute stellen sich immer noch Fernlehre vor, aber eben aufgemotzt mit den Steroiden des Web 2.0. Die schlagende Alternative zu mediokren Routineveranstaltungen an real existierenden Unis abseits der Exzellenz-Inseln. Und zugleich eine Alternative zur drögen Online-Vorlesung, die ein Format ins Netz überträgt, dass schon live an den Universitäten sehr oft nur sehr schlecht funktioniert.

Nur: Ein solcher Fernlehre-MOOC ist in aller Regel zu wenig. MOOCs sind im Kern Selbstlern-Erfahrungen, keine Lehrveranstaltungen. Die Kriterien der Offline-Universität genügen also nicht. (Selbst wenn man in der Offline-Welt ein/e „gute/r Lehrer/in“ ist, ist das noch nicht genug. Aber es hilft natürlich.)

(4) Wie war das beim mythischen ersten MOOC?

Alle oben aufgeführten günstigen Bedingungen trafen auf den ersten Mega-MOOC zu: den Online-Kurs über Artificial Intelligence, den Sebastian Thrun Ende 2011 an der Universität Stanford für die ganze Welt öffnete. (Thrun und sein Partner Peter Norvig sind berühmt als Google-Forscher und Mitentwickler des selbstfahrenden Autos.)

Sogar bei diesem Kurs spielte aber die besondere Medien-Qualität des Materials eine wichtige Rolle für den Erfolg: Die Edel-Wissenschaftler Thrun und Norvig drehten ihre sympathisch handgemachten Videos aufwändig selbst im Hobbykeller und sie sprachen die Lernenden dabei mit einer sehr persönlichen Stimme an. Alle, die den Kurs im Browser mit einem Klick (ohne Zugangsschwelle) aufriefen, konnten sich dabei immer von Neuem so fühlen, als säßen sie mit einem weltberühmten Forscher am Tisch und bekämen von ihm persönlich eines der innovativsten Forschungsgebiete erklärt.

Es kam noch hinzu, dass das Angebot einen Nerv traf und zur Sensation wurde: der erste weltweite Massen-Kurs von dieser Qualität und in dieser mediengemäßen Machart. Sogar die Macher waren davon völlig überrascht. Inzwischen gibt es aber hunderte, ja tausende von MOOC-Angeboten.

(5) Was bedeutet das jetzt für mich und mein MOOC-Projekt?

Sie sind nicht der berühmte, coole Google-Forscher Sebastian Thrun. Ihre Institution ist vermutlich nicht unbestritten eine der weltweit allerersten Adressen für Ihr Thema (wie es die Universität Stanford speziell für AI ist). Sie sitzen nicht an einer USA-Eliteuniversität, die in der ganzen englischsprachigen Welt als Goldstandard für akademische Exzellenz gilt.

Vielleicht sprechen Sie überhaupt nur die deutschsprachige Welt an, d.h. Ihre potenzielle Zielgruppe ist allein deshalb schon mindestens um den Faktor 10 niedriger. Und vermutlich haben Sie auch keinen Lern-Inhalt, der mit der digitalen Form der Vermittlung so gut harmoniert wie im Fall von AI und ähnlichen coolen Computer- oder Internet-Themen.

(6) Hat das also überhaupt Sinn, einen MOOC zu versuchen? Eine Checkliste.

Die Frage ist schwer, auf Anhieb zu beantworten. Ein vorsichtiges Ja ist dann angebracht, wenn Sie mindestens (!) drei und möglichst mehr der folgenden Fragen positiv beantworten können:

  • Ist das Thema sehr dringend für sehr viele Leute? (Dann nehmen die Leute die Schwierigkeiten eher in Kauf, sich im Netz über einen längeren Zeitraum eigenmotiviert mit einem komplexeren Thema zu beschäftigen.)
  • Sehen Sie eine Chance, den MOOC so bekannt zu machen, dass sich beim ersten Mal mindestens 500 Leute (bei Universitäten) oder 200 Leute (in sehr motivierten Fach-Communities) anmelden? Ist es realistisch, dass jede Woche mindestens 150 Leute im virtuellen Raum aktiv sind? (Das ist die Untergrenze. Darunter kann man natürlich gute Online-Seminare machen, aber es ist nicht „massenhaft“, und das bedeutet: die positiven Netzwerk-Effekte fallen weg.)
  • Sind die vielen Leute, die das dringend interessiert, von Haus aus eher isoliert, aber mit einigermaßen gutem Internet-Zugang? (Dann ist die Euphorie größer, dass man sich mit Gleichgesinnten zur selben Zeit im Netz trifft.)
  • Spricht in Ihren Medien (Videos, Texte) der/die ExpertIn selbst die TeilnehmerInnen möglichst direkt an, und zwar mit einer persönlichen Stimme? (Der formelle Tonfall und Argumentationsstil von Akademikern und Experten ist nicht für das Web geeignet.)
  • Haben Sie eine Web-Umgebung vorbereitet, die das Entstehen einer Netz-Community begünstigt? Setzen Sie Blogs, Twitter oder ähnliche Medien ein? Gibt es eine Kerngruppe, die dieser Community Impulse gibt? (Nein, ein konventionelles Kurs-Forum genügt nicht.)
  • Haben sie jemand, der begabt ist für selbstgedrehte Web-Videoformate? Hat Ihr Team das Knowhow, um solche Videos in ausreichender Qualität (vor allem: möglichst guter Tonqualität!) zu drehen und zu bearbeiten?
  • Ist Ihr Thema geeignet, um in viele kleine, für sich stehende Module zerlegt zu werden? Hat es trotzdem genug inneren Zusammenhang, dass für die Leute draußen ein Spannungsbogen entsteht, der acht oder mehr Wochen trägt?
  • Gibt Ihr Thema den Leuten Gelegenheit, laufend selbst etwas auszuprobieren, also nicht nur durch schematisierte Multiple Choice-Rückmeldung? Noch besser: Eignen sich solche Do-it-yourself-Produkte zum Hochladen und Teilen im Web? (Auch Kritzeleien auf einem Blatt Papier kann man fotografieren und hochladen.)
  • Sind Ihre Zielgruppen einigermaßen web-affin oder sind eher besondere Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Web als Medium zu erwarten?
  • Haben Ihre Zielgruppen realistischer Weise über Wochen hinweg die nötige Zeit, sich mit Ihrem Thema zu beschäftigen? D.h. maximal 6 – 8 Stunden, und auch das nur für außerordentlich motivierte TeilnehmerInnen? (Typischer Weise invstieren die meisten, die überhaupt dabeibleiben, eher 2 – 4 Stunden pro Woche.)
  • Kann man an Ihrem Kurs auch dann mit Gewinn teilnehmen, wenn man nicht zu den (allerhöchstens) 10% gehört, die die volle Zeit investieren und am Ende einen Test bestehen (oder bestehen könnten)?

Je mehr dieser Fragen Sie mit „Ja“ beantworten können, desto höher sind die Chancen für Ihren MOOC.

(7) Wie sieht das bei unserem Mathemooc aus?

Wir werden sehen. Klar ist, dass wir u.a. folgende Schwierigkeiten haben werden:

  • Wir brauchen eine kritische Masse. Und die entsteht einerseits durch die Zahl der TeilnehmerInnen, die in jeder MOOC-Woche einen anregenden Resonanzraum bilden, und durch den Grad ihrer eigenmotivierten Aktivität. Der Mathemooc wird eher klein sein, also brauchen wir einen höheren Aktivitätsgrad.
  • Der MOOC kann sich nicht nur an Studierende der Mathematik-Didaktik richten: Das wären zu wenige. Zumindest sollte er auch LehrerInnen ansprechen (aber die haben wenig Zeit), und dazu auch interessierte Laien (von denen es gar nicht so wenige gibt, aber man muss sie erst einmal erreichen).
  • Die Videos müssen sehr gut gemacht sein. Und sie müssen nicht nur den Einzelnen einen Sachverhalt gut erklären, sie müssen die Leute auch anregen, im Web mitzumachen und sich auszutauschen. Mathe ist nun aber nicht unbedingt eine sehr soziale Disziplin.