3/4 = 0,75 = 75%

So, jetzt sind ca. drei Viertel unseres Mathe-MOOCs abgeschlossen, das letzte Viertel steht bis Mitte Februar an. Zeit für eine kleine Zwischenreflexion. Ein paar lose Gedanken aneinander gereiht:

Aufwand: Wir sind verrückt, was den Aufwand anbelangt. Die Produktion ist unglaublich aufwändig, und die Durchführung auch. Zum einen ist unser MOOC ja ein Doppel-MOOC, d.h. er deckt zwei Lehrveranstaltungen ab (Arithmetik und Geometrie). Zum anderen ziehen wir auch konsequent die 15 Wochen durch. Wenn ein MOOC den Anspruch einer Hochschul-Lehrveranstaltung haben will, dann muss er unserer Auffassung nach auch den kompletten Stoff von 15 Lehrveranstaltungswochen abdecken. Wir produzieren also sozusagen 30 Wochen Hochschullehre, das ist extremst aufwändig. Ich würde es aber jederzeit wieder machen, weil: es macht einen großen Spaß, und ich selbst habe auch viel dabei gelernt. Unser Team ist super, da scheut man auch den Aufwand nicht. (Geteiltes Leid ist halbes Leid :-)).

Pure Statistik: Aktuell sind 5897 Personen in den MOOC eingeschrieben, und es tragen sich auch weiterhin fleißig Personen in unsere Mathe-MOOC-Map ein, d.h. es kommen immer mal wieder neue Teilnehmer dazu. Die allermeisten kommen aus Deutschland – logisch bei einem deutschsprachigen MOOC.

Diskussionen: Unser MOOC setzt auf die Diskussion unter den Teilnehmer_innen und die gemeinsame Aushandlung von Lösungen. Die Diskussionen bleiben in der Quantität leider hinter unseren Erwartungen zurück. Insbesondere in den letzten Wochen sind nur noch wenige Teilnehmer_innen aktiv an Diskussionen beteiligt. (An dieser Stelle mal ein großes Lob an diejenigen, die wirklich jede Woche intensiv mitmachen!) Natürlich kennen wir das Phänomen, dass in Plattformen nur ein sehr geringer Teil sehr aktiv ist und der größte Teil rezipiert, und Kiebitz zu sein ist ja auch ein zulässiger Mitmachmodus. Wir dachten allerdings, durch unsere Impulsvideos und Aufgaben mehr Anreize für Diskussionen zu schaffen. Insbesondere die Online-Beteiligung unter unseren Studierenden ist auch sehr gering. All das kann mehrere Gründe haben, ein paar Ideen dazu hier:

  • Weihnachtszeitstress: Gerade in den letzten Wochen hatten ganz viele Menschen viele andere Dinge zu tun.
  • Hohe Anstrengung: Viele Wochen lang intensiv an einem Mathe-MOOC teilzunehmen ist extrem anstrengend. Hier ist extremes Durchhaltevermögen gefragt. Darüber hinaus geht es auch inhaltlich immer mehr zur Sache. Sich mit anspruchsvollen Aufgaben am Wochenende zu befassen, das bedarf einer hohen Motivation.
  • Online-Hürde: Es kostet eine gewisse Überwindung, eigene Lösungsideen, die vielleicht auch noch Fehler enthalten, online zu stellen. Daher ist die tatsächliche Aktivität unter den Teilnehmer_innen vermutlich höher als es ich in den Diskussionen widerspiegelt. Viele werden sich mit Aufgaben offline befassen, sich online aber nicht einbringen.
  • Verzögerte Antworten: Das Problem bei der foren-artigen Diskussion ist, dass Antworten ein wenig auf sich warten lassen. Ich poste eine Lösungsidee oder eine Frage und muss dann eins, zwei Tage warten, bis von einem anderen Teilnehmer eine Antwort kommt. Wir sind noch nicht „so massive“, dass diese zeitliche Verzögerung durch die schiere Masse an Kommentatoren reduziert würde. Das macht das Einstellen von Lösungsideen unattraktiv.
  • Fehlende Diskussionsfeatures: Es gibt noch ein paar Features, die wir vermissen, wie beispielsweise ein Dashboard, auf dem man sieht, wo gerade viel diskutiert wird, wo auf eine eigene Frage geantwortet wurde usw. Das macht es einerseits für uns sehr aufwändig mitzubekommen, wo Hilfe benötigt wird, zum anderen macht es das dein Teilnehmern schwer, ihre eigenen Diskussionsstränge zu verfolgen.
  • Gruppendynamik: Jede Gruppe ist anders. Das merke ich auch von Vorlesung zu Vorlesung. Einige „Meinungsführer“ beeinflussen die Gruppenatmosphäre gleich in den ersten Wochen in die eine oder in die andere Richtung. Wenn eine Methode in Gruppe A funktioniert, muss das nicht zwangsläufig in Gruppe B auch der Fall sein. Insofern hätte es sein können, dass die Diskussionsentwicklung in einer anderen Gruppe vollkommen anders ausgesehen hätte, nicht weil wir etwas anders gemacht hätten, sondern weil sich eine andere Gruppenatmosphäre entwickelt hätte.
  • Fehlende Notwendigkeit: Unsere eigenen Studierenden spüren keine echte Notwendigkeit, sich online zu beteiligen. Sie haben ja die Offline-Übungsgruppen, die Vorlesung usw. Die Idee, dass unsere Studierenden die Online-Diskussion mit-managen, funktioniert nicht von alleine. Hier müsse wir uns methodisch mehr überlegen.

All das sind Vermutungen. Zurzeit wird im Rahmen von Masterarbeiten genau diesen Fragen mit Hilfe von Umfragen nachgegangen. Darüber hinaus würden wir uns freuen, wenn ihr eure Ideen / Motive / Gründe / … hier als Kommentar posten könntet: Welche Gründe könnte die geringe Diskussionsbeteiliung noch haben? Weshalb beteiligt ihr euch intensiv / nicht intensiv? Wie ist eure generelle Wahrnehmung der Diskussionen? Welches Feedback habt ihr zum MOOC? Was können wir besser machen? Postet was das Zeug hält! 🙂

9 Gedanken zu „3/4 = 0,75 = 75%

  1. Liebe Denker & Macher des Mathe-MOOCs! Für das Engagement und die inspirierenden Ideen eures Onlinekurses kann ich euch nicht genug danken. Körper und Geist werden bei den Übungen bedacht, Humor ist allseits präsent. Nichtsdestotrotz: Es geht hier um eine wirklich starke geistige Arbeit, die vielleicht für diejenigen wie ich, die irgendwann den Anschluss an dieser Art des mathematischen Denkens verloren haben, nicht ganz einfach ist, wiederzufinden – und durchzuhalten. Die Diskussionen und Kommentare gehen fachlich sehr schnell in die Höhe. Deswegen habe ich mich entschieden, immer wieder reinzuschauen, aber nicht tatkräftig mitzumachen. Mit der Weihnachtszeit,das ist wahr, gehört die Zeit eher der Familie. Ich freue mich sehr, dass der Kurs weitergeht und werde auf jeden Fall, ab und an, bis zum Kursende vorbeischauen.

  2. Als Studentin im Arithmetik-Kurs hab ich ein paar Feedback-Punkte.
    Zuallererst: ihr macht einen KLASSE JOB!!! Absolut innovatives Format und wirklich total gut und „engaging“ gemacht (besser als jeder Kurs in meinem gesamten BWL Studium)! Man spürt den immensen Zeitaufwand hinter der Produktion (und nicht zuletzt der ganzen Ideen dahinter).
    MACHT SO WEITER!!

    Wie könnte man die geringe Diskussionsbeteiligung erhöhen – gerade unter Studenten?
    1) Dynamik in der Präsenzveranstaltung auf online discussions übertragen und verlinken
    > ich finde die letzten beiden sessions (flipped classroom) haben sehr gut funktioniert und es gab einen regen Austausch zwischen den Studenten bzgl. möglichen Lösungswegen
    > Idee: für eins der nächsten Kapitel ist die Aufgabe diese Diskussionen (auch) online zu führen – zb ein Team / ein paar Studenten haben die Aufgabe 1 Lösungsweg online zu stellen – die anderen kommentieren mind. einmal
    Dies könnte man natürlich auch noch erweitern um die anderen MOOC User
    Vielleicht braucht es ja ein „1.Mal“ um die Posting-Hemmschwelle zu überschreiten 🙂 Diese online discussions könnte man dann als Thema machen für die nächste Vorlesung…

    2) Anreize schaffen
    > was ist im Moment der Anreiz für Studenten etwas zu posten? Ausser vielleicht bei den „early adopters“ und denen mit hoher Eigenmotivation
    Es könnte sein, dass diese Rücklaufraten durchaus normal sind – gibt es da Vergleichsstudien?!
    > Idee: kleiner Wettbewerb mit Preis? Highest engagement, most replies, most solutions etc… Contest unter Studierenden?

    3) Multiplikatoren nutzen
    Es gibt ja auch in den Vorlesungen durchaus die Engagierten – könnte man die nicht einladen zu einem kleinen Interview, um qualitativ rauszufinden warum sie sich nicht online mehr engagieren… Und wie man die anderen Studenten begeistern könnte. Sie (die Meinungsführer) sozusagen ins Team holen? Dadurch würde deren Engagement noch mehr steigen und sie würden sich wahrscheinlich mit der Sache mehr identifizieren…

    Lg, Elke

  3. Ich bin zwar im MOOC eingeschrieben, habe mir aber nur ein paar Sachen angeschaut und mache ansonsten nicht mit. Daher wollte ich zuerst auch nichts schreiben. Ich beschäftige mich momentan aber gedanklich mit dem Thema Peers und merke, dass mich in diesem Zusammenhang auch die Fragen dieses Beitrags weiter beschäftigen.
    Dabei bin ich darauf gestoßen, dass es sinnvoll sein kann die Frage anders herum zu formulieren. Also statt zu fragen warum Menschen nicht an online geführten Diskussionen teilnehmen, zu fragen warum sie es tun und von einer Nichtteilnahme als dem Normalen auszugehen. (Vielleicht besteht da sogar ein Zusammenhang zu der Art von Schulsystem das wir haben. Oder zu der noch geringen Erfahrung mit sinnvollem Verhalten in Onlinelernveranstaltungen, denn auch das ist etwas, das erst gelernt werden muss.)
    Dafür spricht in meinen Augen, dass die auch offline Studierenden anscheinend keinen Anlass zur Teilnahme sehen. Eine Teilnahme bringt ihnen offensichtlich keinen Mehrwert, ist also nicht als Sache an sich interessant, wenn in diesem Fall andere Möglichkeiten des Austauschs bestehen, die schneller, umfassender und eingebettet in unmittelbare Erfahrung geschehen.
    Ich schreibe momentan z.B. nur deshalb, weil mich das Thema augenblicklich stark beschäftigt und ich allein dadurch einen Gewinn habe, dass ich meine Gedanken schriftlich formuliere. Tue ich das online, habe ich sogar noch die Chance, dass von irgendwoher eine Antwort kommt, die meinen Überlegungen neues Futter zukommen lässt oder irgendeine andere, möglichst positive Reaktion zur Folge hat.
    Die aktive online-Teilnahme an einem MOOC, gleich ob vier, sechs, zwölf oder fünfzehn Wochen, ist in der Regel zeitaufwändig, schreiben in Foren dauert viel länger als sprechen und ein Austausch und darüber eine Diskussion finden nur dann statt, wenn auf Beiträge auch Diskussionen fördernde Antworten erfolgen. Als selbstverständlich kann aber nichts davon vorausgesetzt werden.
    Auf dieser Basis des Nicht-Selbstverständlichen ergeben sich für mich Fragen, warum und unter welchen Bedingungen welche Menschen das eigentlich tun, was für einen Gewinn sie dabei haben und was ihre Teilnahme blockiert oder fördert. Aber auch Fragen danach wie diese Teilnahme (oder Nichtteilnahme) dann wiederum auf andere einwirkt und was für Konsequenzen das hat.

  4. Was den Aufwand betrifft, ist das was ihr leistet, wirklich erste Sahne. Ich bin ganz ehrlich beeindruckt, was ihr da auf die Beine gestellt habt und dies zum größten Teil nur mit dem Nutzen, den Menschen die Mathematik etwas näher zu bringen. Ich bin Anpacker und Kiebitz und nicht studierend.

    Am Anfang habe ich euer Mooc jeden Tag besucht und auch versucht, alle Aufgaben zu lösen. Die verschiedenen Themen, so wie sie von Euch dargestellt sind, sind wirklich gut zu verstehen und außerdem habe ich früher in der Schule wirklich gerne „gerechnet“. Deswegen auch habe ich mich in den Mooc eingeschrieben. Einen Nutzen habe ich davon zuerst eher nicht, das ist eher etwas persönliches für mich und die Tatsache, dass mich Mathematik interessiert.

    Was mir mittlerweile aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass es schon ein paar Themen gibt, die mir immer noch Fragen aufwerfen und auch teilweise nicht ganz besprochen wurden. Der Bilderthales ist eines davon. Es gibt in der Geometrie etwas zuwenig Rückmeldungen was eine entsprechende Lösung betrifft. Das ist natürlich nicht immer so, aber teilweise postet man eine Lösung zu einem gestellten Problem und bekommt keine oder nur eine unzureichende Rückmeldung. Es entstehen natürlich Diskussionen unter anderen Teilnehmern, doch eine Lösung bleibt teilweise aus. Das ist gerade in der Geometrie so wie ich finde.

    Ich habe auch zwei Mooc-Freunde gefunden, die es ähnlich empfinden wie ich, dass der Mathe-Mooc gerade in der Geometrie etwas trocken geworden ist. Am Anfang war meine Motivation wirklich größer. Es muß alles bis auf das kleinste Detail beschrieben oder definiert werden, obwohl viele Dinge an der Tafel einleuchtend sind. Das kann wirklich teilweise schon anstrengend sein und kostet viel Zeit. Die Aufgaben sind teilweise anschaulich und mittlerweile werden sie immer theoretischer und vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Quantität im Mooc etwas nachläßt.

    Das dies für Mathematikstudenten absolut notwendig ist, kann ich natürlich nachvollziehen und möchte die Wichtigkeit keinesfalls absprechen. Ihr gebt euch wirklich sehr viel Mühe und das muß auch einmal gesagt werden. Das verdient mehr als ein Lob.

    Ich bleibe auf jeden Fall beim Mathe-Mooc dabei.

    • Die Sache mit der höheren Abstraktheit liegt in der Natur der Sache. Der MOOC heißt „mathematisch denken“. Es geht ja gerade darum, sich nicht auf die unmittelbare Anschauung zu verlassen, nur die Axiome und aus ihnen abgeleitete Begründungen zählen. Nach dem tiefen Tal der absoluten Geometrie geht es aber jetzt wieder mehr anschaulich aufwärts.

      Die Sache mit den Kommentaren zu den Lösungen und den Fragen brennt mir genauso auf den Nägeln. Sie ist extrem zeitaufwendig. Als die Lehrveranstaltungen für das Wintersemester geplant wurden, wußten wir noch nicht, dass wir einen MOOC machen werden. Eigentlich wollte ich die Geometrie gar nicht machen in diesem Semester. Die Zeit ist wie gesagt ein echtes Problem, vor allem auch weil die Plattform extrem langsam und träge reagiert: Schreiben, gefühlte 5 Minuten warten bis das Geschriebene hochgeladen ist, neues chapter anklicken, gefühlte 5 Minuten warten ….

  5. Ich finde es verblüffend, dass ihr aus dem Stand heraus auf eine so hohe Studentenschaft gekommen seid. Dazu kann man nur gratulieren und es ist ein klares Statement, dass in solche Formen noch mehr Förderung und Forschung fließen sollte.
    Beteiligungsquote und Lernerfolg könnten sich möglicherweise deutlich erhöhen, wenn man Arbeitsgruppen ermöglicht, eine Art „Chatroulette“. Das heißt je eine Handvoll Anmelder bilden eine AG und können sich während und nach der Veranstaltung miteinander austauschen und über Lösungswege im kleinen Kreis diskutieren. Das würde eine soziale Ebene einziehen, die psychologisch sehr produktiv sein könnte. Bei Online-Spielen sind ja auch die Multiplayer-Modi ein wichtiger Zusatz, der die Spieler „süchtig“ macht. Plötzlich lernt man „neue Leute“ kennen, verabredet sich, fühlt sich verpflichtet, etc. Ich würde die Arbeitsgruppe auf „default“ stellen, nur wer aus bestimmten Gründen nicht will, kann „austreten“. Bei „Streit“ müsste es Tutoren geben oder die Möglichkeiten, eine andere Gruppe zu kontaktieren und um Hilfe/Moderation zu fragen …

  6. @Elke und alle anderen: Das sind alles super Ideen! Für diesen MOOC wird das vermutlich keinen Sinn mehr machen, aber für den nächsten könnten wir uns solche Strategien überlegen.

    Wir machen auch gerade in den Masterarbeiten eine „Beforschung“ der Teilnehmer, um herauszufinden, welche Motive und Gründe es gibt, auch mit Interviews (so hoffe ich). Ich bin gespannt und wir werden berichten…

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